"...und dann sterbe ich doch nicht."

05.08.2017

Special #1: Leben mit psychischer Erkrankung

Angststörung - Panikattacken

Tom* ist mitte dreissig. Er hat sich die Zeit genommen, persönlich mit mir über seine Störung zu sprechen. Tom leidet an Panikattacken. Vor mir sitzt ein grosser, sympathischer Mann. Niemals würde ich denken, dass Tom einfach so aus dem Nichts plötzlich Angst bekommen könnte. Seine Angststörung wurde bis jetzt noch nicht ärztlich diagnostiziert und ist noch unbehandelt.

Bild: Symbolbild, Quelle: http://panikattackenhilfe.com/nachts/

Tom`s Panikattacken und die Angst vor dem Sterben

Die Attacken überwältigen Tom ohne Vorankündigung. Er weiss aber, wenn er viel nachdenkt und "grübelt", dann ist das Risiko grösser, dass sich bald eine Angstattacke anbahnt. Meist passiert es beim Einschlafen oder sonst in einer ruhigen Situation. Plötzlich fängt dann sein Herz an zu rasen. In den Armen spürt er ein Kribbeln oder sie schlafen ganz ein. Manchmal sind auch die Beine betroffen. Die Atmung ist beschleunigt, Tom verkrampft sich und schreit nach Hilfe. Für Tom fühlt es sich jedes Mal an, als würde sein Geist den Körper verlassen.

"Ich habe jedes Mal Angst, dass es jetzt fertig ist. Es fühlt sich an als würde ich sterben. Ich steigere mich immer tiefer in eine riesengrosse Panik rein und dann sterbe ich doch nicht." -Tom-

Unterstützung von der Liebe

Allein ist Tom aber selten. Seine Freundin erkennt die Situation jeweils sehr schnell und weiss, was ihn jetzt beruhigt. Sie gibt ihm zu spüren, dass sie da ist und erinnert ihn daran, dass es "nur" eine Panikattacke ist. Sie animiert ihn, ruhig und gleichmässig zu atmen und nach knapp fünf Minuten ist die Panik wieder weg. Oft erschreckt sich Tom`s Freundin selbst, wenn sie schon schläft und Tom dann laut nach ihr ruft. Für sie ist aber klar, dass sie immer für Tom da sein möchte und ihn während den Attacken unterstützen will. Jedes Mal ist sie mit viel Liebe und Geduld bei ihm und steht die Angst mit ihm durch. Das ist für sie keine Frage und dafür ist ihr Tom endlos dankbar. Während den akuten Attacken ist Tom jeweils davon überzeugt, gerade an einem Herzinfarkt sterben zu müssen. Nach den Attacken weiss auch er wieder, dass er eine Panikattacke hatte. Die Symptome der Panikattacke sind denen eines Herzinfarktes sehr ähnlich und verstärken dadurch die Angst nicht selten.

Wissen nimmt viel Angst

Ungefähr neun Jahre ist es her, seit der ersten Panikattacke. Tom wusste damals noch nicht annähernd, dass er unter Panikattacken leidet. Auch hatte er schon selbst die Ambulanz gerufen oder liess sich durch seinen Bruder direkt zur Notfallstation des örtlichen Krankenhauses fahren. Tom wurde mehrmals wegen Verdacht auf einen Herzinfark oder sonstige Herzkrankheiten untersucht. Nie konnte etwas Abnormales festgestellt werden. Zum Glück! Nur wäre damals auch kein Arzt auf die Idee gekommen, dass Tom an Panikattacken leiden könnte. Im Vergleich zu damals, treten die Attacken heute seltener auf. Tom geht davon aus, dass die Attacken weniger geworden sind seit er weiss, dass er daran nicht sterben muss.

Viele Leute - wenig Unterstützung

Die Panikattacken treten manchmal in abgeschwächter Form auch mitten in der Stadt auf. Dann versucht sich Tom mit Telefonieren abzulenken. Nie würde er sich bei fremden Menschen Hilfe holen.

"Bis ich mir bei den Leuten auf der Strasse Hilfe holen würde, wäre die Attacke wahrscheinlich schon wieder vorbei. Und sowiso will ich nicht unnötig die Aufmerksamkeit auf mich ziehen. Die würden vielleicht noch lachen oder mit dem Handy filmen."-Tom-

Tom ist der Meinung, dass die Leute heute nicht mehr die Zeit und die Courage haben um gerne hilfsbereit zu sein. Wahrscheinlich wären die Meisten auch überfordert und würden - wie Tom selbst früher - die Ambulanz rufen.

"Ich würde mir wünschen, dass alle Leute endlich auch psychische Krankheiten ernst nehmen würden. Viel zu oft wird man für "gaga" gehalten, wenn man erzählt, dass man eine psychische Störung hat." -Tom-

Tom selbst erzählt kaum jemandem von senen Panikattacken. Er weiss aber von Bekannten, welche an anderen psychischen Krankheiten leiden, dass diese manchmal für "nicht normal" oder für Weicheier  gehalten werden und das findet er nicht korrekt. Tom weiss, wenn sich jemand in den Finger schneidet und blutet, dann eilt die Hilfe fast von alleine heran und Jeder hat mitleid. Geht es jemandem psychisch nicht gut, dann wird das oft einfach noch nicht richtig ernst genommen und als weniger schlimm eingestuft.

Tom möchte den Leuten da draussen mitteilen, dass sie mit offenen Augen, Ohren und auch Herzen durch die Welt spazieren sollen. Sie sollen ihre Mitmenschen wahrnehmen und für sie da sein, egal ob es sich um physische oder psychische Probleme handelt.

Tom`s Träume

Jeder Mensch hat Träume. Ich finde, man kann viel über den Menschen erfahren, wenn man in seinen Träumen liest. Unabhängig von den Panikattacken, wollte ich von Tom wissen, was seine Träume sind.

"Ich liebe die Welt. Schon ewig lange träume ich davon, die USA zu bereisen. Ob ich mir meinen Traum einmal erfüllen kann oder nicht, das steht noch in den Sternen. Aber wünschen würde ich es mir sehr." -Tom-


Wie ich bereits zu Beginn erwähnt habe, ist Tom ein sehr sympathischer Mann. Er lacht viel und redet gerne. Tom ist für mich dieser starke Typ von Mann, der vor Nichts Angst zu haben scheint. Auch auf sein Äusseres scheint Tom viel Wert zu legen. Das zeigt mir, dass eine psychische Erkrankung äusserlich nicht immer zu sehen ist und doch bei jedem Menschen da sein kann, dem man begegnet. Übrigens wird Tom bald einen Arzt aufsuchen und die Panikattacken endlich professionell behandeln lassen.

Für mich war das Gespräch mit Tom sehr spannend. Ich konnte mich richtig in die Panik einfühlen, welche er mir geschildert hat. Und dazu habe ich einen tollen Menschen kennengelernt, was ich immer wieder super finde! :-)

Habt ihr auch Panikattacken? Ich habe euch HIER einen Link eingefügt, der sehr hilfreich sein könnte. In jedem Fall ist ein Besuch beim Arzt zu raten, damit eine geeignete Therapie gefunden werden kann.

Ich bedanke mich von Herzen bei Tom für seine Offenheit und die Bereitschaft, über seine Panikattacken zu sprechen. Euch allen ein Danke fürs Lesen! :-)

Herzlich, Alinee

* Der Name wurde geändert