Stress und Überforderung? Nö, kenn` ich nicht.

19.07.2017

"Als Überforderung bezeichnet man eine Gesamtheit von Anforderungen, zu deren erfolgreichen Bewältigung bzw. zur Erfüllung die Ressourcen bzw. Fähigkeiten, insbesondere die Leistungsfähigkeit, einer Person, einer Organisation, oder eines Systems nicht ausreichen." Definition Überforderung

 Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Überforderung

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Wir sind Menschen. Menschen! Keine Maschinen! Menschen habe viele Fähigkeiten. Sie können sich entwickeln, lernen und ja, Menschen sind anpassungsfähig. Doch, trifft das für jede Person gleichermassen zu? Nein. Bekanntlich sind wir ja Individuen. Ja, jeder Mensch ist ein Unikat! Jeder Mensch hat seine Stärken aber auch seine Schwächen. Jeder Mensch tickt anders. So. Wenn also angenommen Maximilian noch lange mit voller Konzentration arbeiten kann, ist Frederik schon langsam gestresst und Paul dreht schon längst am Rad und weiss nicht mehr, wie er seinen Berg überwinden soll. Alle drei haben die gleichen Aufgaben zur gleichen Tageszeit und während der selben Zeitspanne zu erledigen. Warum aber fällt es Maximilian so leicht und Paul geht am Limit? Ganz einfach. Maximilian lebt alleine, geht nach der Arbeit nach Hause, schläft um 22.00 Uhr ein und wacht um 05.00 Uhr morgens von alleine wieder auf. Er ist ein typischer Morgenmensch. Zwischen 08.00 Uhr und 11.00 Uhr ist er am leistungsfähigsten. Die Aufgaben, welche ihm während dieser Zeit gestellt werden fallen ihm leicht. Frederik lebt mit seiner Partnerin zusammen. Er pendelt jeden Morgen und Abend mit dem Zug zur Arbeit und wieder nach Hause. Seine Partnerin wünscht sich Kinder, leider klappt es aber nicht wie gewünscht mit der Familienplanung. Frederik zerbricht sich oft den Kopf darüber, denn er möchte seine Partnerin nicht verlieren. Abends muss Frederik noch mit dem Hund raus und wenn er dann endlich um 00.00 Uhr im Bett liegt, will seine Partnerin noch einen Versuch starten ein Kind zu zeugen. Morgens um 05.30 Uhr steht Frederik müde auf und pendelt zur Arbeit. Eigentlich wäre er ein Morgenmensch. Doch er bekommt nachts zu wenig Schlaf und ist dann auf der Arbeit nicht so leistungsfähig wie Maximilian. Dann haben wir noch den Paul. Der arme Paul. Er hat alles, was er sich immer gewünscht hat. Einen guten Job, ein grosses Haus, viele Freunde, eine schöne Frau und ein paar Kinder. Das Älteste in der Pubertät und das Jüngste noch in den Windeln. So hat er sich sein Wunschleben aber nicht vorgestellt. Er fährt am Feierabend mit seinem Auto nach Hause. Wie immer steckt er im Stau. Er ärgert sich. Das Handy klingelt, seine Frau ruft an und ist wütend. Sie hat gekocht und Paul ist viel zu spät dran. Paul ärgert sich wieder. Zuhause will er noch Zeit mit den Kindern verbringen. Das Älteste findet das aber nicht mehr cool und wendet sich immer mehr von Paul ab. Die Frau ist mit dem Baby beschäftigt. Paul sollte noch den Rasen mähen. Der hat es echt nötig! Eigentlich wäre es auch an der Zeit, die Sträuche zu schneiden. Dafür bleibt aber keine Zeit und er verschiebt das aufs Wochenende. Zwischen dem Besuch bei den Schwiegereltern und der Verabredung mit alten Schulfreunden wird Paul schon Zeit finden. Irgendwie. Wie auch immer. Paul isst also noch schnell sein kaltes Abendessen, spielt kurz mit den Kindern, setzt sich noch husch husch mit seiner Frau vor den Fernseher - das ist SEINE Zeit mit IHR. Doch beide schauen schweigend in die Röhre und haben doch nichts von einander. Um 23.30 Uhr liegt Paul im Bett. Er kann nicht schlafen, ist hell wach. Ihm schwirren tausend Gedanken durch den Kopf. Paul ist ein Abend- ja sogar Nachtmensch! Er könnte noch Bäume ausreissen. Am Morgen kommt Paul kaum aus den Federn. Er fährt müde zur Arbeit. Er kann noch kaum Leistung erbringen.

Nun haben wir drei total verschiedene Menschen am gleichen Arbeitsplatz mit den gleichen Aufgaben. Maximilian hat bis zum Mittag das Wichtigste erledigt und kann den Nachmittag ruhiger angehen. Frederik ist langsamer. Er ist am Mittag noch nicht so weit wie Maximilian. Er wird seine Aufgaben bis zum Feierabend aber gut schaffen. Dann unser armer armer Paul. Er kann sich morgens einfach nicht konzentrieren. Nach dem Mittag hat er noch lange nicht die Hälfte seiner Aufgaben erledigt. Er muss sich nun spurten! Es wird knapp für ihn. Wenn er bis zum Feierabend fertig sein will - was dringend von ihm verlangt wird - dann muss er sich beeilen. Paul hat nun Stress. Seine Leistungen sind zu schwach. Nun wird er nervös und kann sich wieder nicht konzentrieren. Er muss an sein Privatleben denken. Er realisiert, dass seine Ehe nicht mehr ist, was sie einmal war. Er muss sich eingestehen, dass ihm sein ältestes Kind wie Sand durch die Finger rinnt und dass er für die anderen Kinder zu wenig Zeit hat. Er denkt ans Wochenende. Von Erholung wird da keine Spur sein. Besuch hier, Treffen da und dann sind ja noch die Sträuche im Garten. Ach diese vielen vielen Sträuche. Paul ist Überfordert. Überfordert in seinem Job. Überfordert mit seinem Privatleben. Paul braucht Hilfe. Übrigens, diese drei Herren sind von mir frei erfunden. Und doch könnte genau das die Realität von dir oder mir sein.

Die Gesellschaft hat an uns alle eine Erwartungshaltung. Diese wird uns bereits in die Wiege gelegt. Dieser müssen wir möglichst entsprechen um ein erfolgreiches und befriedigendes Leben zu leben. Das Gefährliche daran ist, dass alles um uns herum auf diese hohen Ansprüche ausgelegt ist. Wie sollte denn unser Leben aussehen? Wir müssen Geld verdienen. Möglichst viel Geld. Also brauchen wir einen Job. Einen guten Job! Viel Arbeiten bringt uns Achtung und Respekt von unseren Mitmenschen ein. Weiter sollen wir möglichst eine abwechslungsreiche Freizeit gestalten. Also bestenfalls sind wir in einem Verein, treiben Sport und pflegen einen guten Freundeskreis. Unsere Wohnung ist immer aufgeräumt und der Haushalt tiptop erledigt. Unsere Liebesbeziehung hält und hält und hält und die Liebe wird nie erlöschen. Nie!! "Ich liebe dich forever!!" Irgendwann sollen wir heiraten. Und zwar zum richtigen Zeitpunkt! Zu früh oder zu spät heiraten kann zu Unverständnis im Umfeld führen, was unser soziales Netz zum rütteln bringen könnte. Achtung! Das Gleiche gilt bei der Familienplanung. Nur ja nicht den richtigen Zeitpunkt verpassen. Es muss ihn doch geben. Oder nicht? Dann, wenn die Heirat durch ist und die Kinder da sind, dann kommen noch einmal abertausende von neuen Erwartungen auf uns zu! Ja, wir müssen ja gute Eltern sein und dazu unsere Ehe pflegen. Unsere Kinder sollen ja den Erwartungen der Gesellschaft gerecht werden. Wir wollen ja nur das Beste für sie! Wir wollen eine gute Erziehung durchziehen. Wir wollen nicht eines dieser Kinder haben, welche im Supermarkt schreiend am Boden liegen und die Aufmerksamkeit der besserwissenden Rentnerinnen auf sich ziehen. Wir wollen mitreden, wenn andere Eltern über ihre selbstgekochte Babynahrung aus Bio-Gemüse reden und sich über die Talente ihrer Kinder unterhalten. Oder sollte ich sagen prahlen? Oder schwindeln? Wie auch immer. Unsere Kinder sollen die Besten sein! Gute Schulnoten sind das A und O für eine sorgenfreie Zukunft. Unsere Kinder sollen lernen, lernen und lernen. Förderunterricht, Geigenunterricht, Volleyball Club und Frühenglisch. Total wichtig! Warum sollten wir unsere Kinder draussen spielen lassen, wenn sie drinnen Algebra büffeln können? Mit Spielen ist ja bekanntlich noch keiner Arzt geworden. Wir sind also die, die das Gesellschaftsbild erlernt haben, oft kritisieren und dann doch unseren Kindern aufdrängen. Wir wollen nicht als Versager da stehen. Doch wer würde uns als allererstes als Looser abstempeln, wenn wir nicht diesem Bild entsprechen? Wir selbst. Ich, du, er und sie. Wir!

Was bitte hat das nun mit Stress oder  Überforderung zu tun? Das scheint ja alles sehr simpel zu sein. Oder? Erinnert ihr euch noch an die drei Männer aus der selben Firma? Maximilian, Frederik und Paul? So wie diese Drei, sind wir alle anders gestrickt. Eine Firma gestaltet ihre Arbeitszeiten und Aufgabenverteilungen jedoch eher nicht individuell nach den Einzigartigkeiten ihrer Angestellten. Es gibt einfach DIESE Regeln im Betrieb und denen muss JEDER gerecht werden. Unsere ganze Gesellschaft funktioniert so. Es gibt einfach DIESES Bild vom perfekten Leben. Es wird von allen angestrebt, jedoch wohl von niemandem ganz erfüllt. Warum erscheinen uns dann einige Menschen so perfekt? Die hübsche Nachbarin. Sie arbeitet so viel, hat eine tolle Wohnung, ihr Mann scheint sie sehr zu lieben und die Kinder sind wahre Vorzeigeschüler. Ja, mag sein. Doch was ist mit ihren persönlichen Wünschen? Sie wollte die Welt bereisen! Sie war aber noch nicht einmal im Ausland. Sie ist Managerin weil das ihr Vater so wollte. Sie selbst wollte viel lieber eine Kosmetikschule besuchen. Auf der Arbeit ist sie ständig grossem Stress ausgesetzt und sie hatte bereits zwei Burnouts. Sie nimmt täglich Psychopharmaka ein um ihren Alltag ohne grössere Überforderungen meistern zu können. Dank diesen Tabletten kann sie uns draussen vor dem Haus mit ihrem bezaubernden Lächeln begrüssen. Ihr Leben ist auf den zweiten Blick nicht mehr so perfekt. Sie ist nicht glücklicher als wir. Kein Mensch ist Perfekt! Jeder möchte aber so nah dran sein, wie möglich. Wir sehen andere Menschen. Bekommen einen kleinen Einblick in ihr Leben. Haben dann oft das Gefühl, weniger Erreicht zu haben oder sogar weniger Wert zu sein als sie. Wir wollen das vermeintlich perfekte Leben der Anderen haben. Also lassen wir unser Eigenes gegen Aussen ebenfalls möglichst perfekt aussehen. Unsere Schwächen dürfen nie und nimmer durchsickern. Wir wollen ja eben keine Looser sein! Also kämpfen wir mit aller Kraft um dem Gesellschaftsbild möglichst gerecht zu werden. Wir kämpfen und schlagen uns durch und verstellen uns der Stress wird uns im Alltag immer mehr begleiten und dann passierts! Wir realisieren plötzlich, dass wir diesen Ansprüchen niemals gerecht werden können. Wir befinden uns mitten in einer Überforderung. Wir haben keine Kraft mehr. Der Tag hat plötzlich viel zu wenig Stunden. Wir sind unglücklich und das schon seit längerer Zeit. Nur haben wirs nicht bemerkt, da wir uns ein falsches Bild zum Idol gemacht haben.

Warum gestalten wir uns nicht einfach unser persönliches, unperfektes Leben? Wir können so vieles Richtig machen, wenn wir einfach auf uns selbst hören. Lernen wir uns also endlich kennen! Wer bin ich? Was sind meine Stärken? Was sind meine Schwächen? Wo kann ich mein Leben meiner Persönlichkeit anpassen und wo nicht? Muss ich im Sportclub, bei den Pfadfindern UND im Kirchenchor dabei sein? Reicht mir nicht Eines davon? Müssen meine Kinder wirklich immer die Bestnote schreiben? Darf nicht auch zwischendurch ein Abschiffer passieren? Ist es nicht viel viel wichtiger, dass die Beurteilung der Sozialkompetenz sehr gut ist?

Lasst uns leben! Unser eigenes, individuelles Leben schaffen. Wir wollen glücklich sein und nicht schein-perfekt. Wir dürfen Fehler machen und dazu stehen, darüber lachen, daraus lernen. Wir sind Menschen, keine Maschinen! Wir überfordern uns, wenn wir uns zu hohe Ziele stecken. Die Maschine jedoch nicht. Aber hat die Maschine Freude, wenn sie ein Erfolgserlebnis hat? Nein, denn sie ist eine Maschine ohne Gefühle. Also lasst uns Mensch sein!

Danke fürs Lesen. :)

Herzlich eure Alinee 

(Frei aus dem Kopf geschrieben)