Wenn der Körper nie "richtig" ist

11.08.2017

Special #1: Leben mit psychischer Krankheit

Anorexie - Magersucht

Als mir Melanie* über die sozialen Medien geschrieben hat wusste ich erst nur, dass sie noch ganz jung und dem Tod schon sehr nahe ist. Ihre Geschichte hat mich tief bewegt. Melanie kämpft seit knapp drei Jahren mit ihrer Magersucht. Sie ist kürzlich gerade 18 geworden.

Verzerrte Wahrnehmung

Bild: "Wer bin ich?" mit Paint erstellt von M. für Tabu-Schrank

Melanie und ich haben erst über Gott und die Welt geschrieben und kamen dann langsam auf ihre Krankheit zu sprechen. Erst wollte sie mir keine Fotos von früher, als sie noch gesund war, zeigen. Sie hat mir zwei Bikini-Fotos gesendet. Das erste wurde im Mai 2016 gemacht. Darauf ist ein sehr dünnes Mädchen zu sehen. Viel zu dünn. Die Knochen stehen überall hervor. Sie lacht nicht. Melanie ist auf diesem Foto schwer krank. Kurz nachdem das Foto aufgenommen wurde, musste Melanie ins Krankenhaus. Sie musste dort unbedingt an Gewicht zunehmen, da sie sonst gestorben wäre. Vorher war sie nicht in Behandlung, wegen ihrer Essstörung. Seit diesem Krankenhausaufenthahlt wird sie medizinisch und psychologisch begleitet. Zuerst konnte Melanie erfolgreich an Gewicht zulegen und ihr Essverhalten verbesserte sich. Die Erfolge hielten leider aber nicht lange an. Auf dem zweiten Foto, welches Melanie mir gesendet hat, sieht man das gleiche Mädchen. Die Frisur ist anders. Melanie hat nun kurze Haare. Das Foto wurde erst letzte Woche gemacht. Das Bikini ist das Gleiche wie auf dem ersten Foto.

"Das Bikini wäre mir letzten Herbst viel zu klein gewesen. Ich war wieder fett und musste das ändern." -Melanie-

Melanie sieht sich nicht so, wie ich sie sehe. Sie findet sich nicht dünn auf den Fotos. Sie erklärte mir, dass sie an den Beinen und am Po unbedingt noch abnehmen müsse. Mir ging sofort durch den Kopf, dass sie so bald wieder im Krankenhaus sein wird. Dann fragte ich Melanie, ob sie mir nicht vielleicht ein Foto zeigen möchte, von vor der Erkrankung. Ohne Antwort, kam fünf Minuten später ein weiteres Foto. Das Mädchen dort drauf lachte. Das ist mir sofort aufgefallen! Wahrscheinlich war Melanie auf dem Bild ungefähr 13 Jahre alt. Ein ganz normales Mädchen. Die Pubertät liess erste Rundungen entstehen. Das war der Anfang. Melanie wollte keine Brüste bekommen, da ihre Mutter und ihre Tante wegen den Brüsten Rückenprobleme haben. Und schön fand sies auch nicht. Das Foto machte mich richtig traurig. Ich musste den Chat beenden. Brauchte Zeit zum nachdenken und verarbeiten. In nur 20 Minuten konnte mich dieses fremde Mädchen so traurig machen.

Nähe vs. Distanz und Liebe vs. Hass

Später habe ich mich wieder bei ihr gemeldet. Ich wollte von ihr wissen, wie ihre Familie und Freunde mit ihrer Krankheit umgehen. Diese Frage beschäftigte mich sehr, da es mir schon so nahe ging. Wie schlimm muss es dann für die Menschen sein, die Melanie lieben? Die Antwort erstaunte mich eigentlich nicht. Melanie hat kaum mehr Freunde. Genau genommen noch eine gute Freundin, die immer für sie da ist und sie unterstützt. Ein paar Wenige fragen ab und zu nach ihr. Schreiben SMS oder erkundigen sich via Messenger nach Melanie. Sie wollen aber nicht näheren Kontakt haben. Viel zu belastend sei die instabile Krankheit für diese Leute. Sie bleiben auf Distanz. Melanie möchte aber auch nicht mehr Menschen in ihrem Leben haben als ihre Familie und ihre beste Freundin. Sie fühlt sich nicht schön genug, um sich mit anderen Menschen zu treffen. Wie traurig.

Melanie lebt zusammen mit ihren Eltern und ihrer Schwester. Die Eltern sind stark für Melanie und versuchen sie mit viel Liebe und Geduld zu unterstützen. Das Verhältnis zur Schwester hat sich während den letzten Monaten sehr verschlechtert. Sie ist enttäuscht von Melanie. Sie hat sich erhofft, dass nach dem Krankenhausaufenthalt alles wieder gut wird. Nun ist Melanie wieder am gleichen Punkt wie vorher und das kann ihre Schwester kaum verkraften. Sie spricht nur noch mit Melanie, wenn es sein muss. "Ich hasse dich, du klaust uns allen die ganze Energie!" war das Letzte, was sie vor paar Tagen zu Melanie gesagt hat.


Draussen vor der Tür

Melanie geht nicht gerne aus dem Haus. Die hasst die Blicke der Menschen. Leute, die sie gar nicht kennen. Alle sehen, dass Melanie zu dünn ist, starren sie an und tuscheln über sie. In Melanie lösen diese Situationen dann jeweils sehr viel Unsicherheit aus. Schauen die Leute weil sie zu dick oder zu dünn ist? Natürlich ist sie viel zu dünn! Das sieht Melanie aber anders. Melanie würde sich wünschen, dass man die Menschen einfach nimmt, wie sie sind. Niemand sollte sich unschön fühlen müssen.

Träume, Wünsche, Ziele

Melanie wollte als Kind Lehrerin werden. Wenn sie jetzt einen Beruf wählen müsste, würde sie immer noch Lehrerin sein wollen. Momentan kann sie aber unmöglich arbeiten. Sie konnte leider auch die Schule nicht ganz beenden.Es ist ein grosser Wunsch von Melanie, irgendwann die Schule abschliessen zu können und dann eine Berufsausbildung zu absolvieren. Wann und ob das sein wird, kann Melanie aber noch überhaupt nicht sagen. Ihr nächstes und grösstes Ziel ist es, die Anorexie zu besiegen und dafür will sie kämpfen!  Und das ist doch der erste und wichtigste Schritt ins ein glückliches und freies Leben.

So schnell kann es gehen. Mobbing, Models, falsche Idole, falsches Schönheitsbild und ein Mädchen kann in eine Essstörung rutschen. Frauen dürfen doch Kurven haben. Männer auch. Eine Narbe, ein Leberfleck oder ein krummer Zeh gehören zur Lebensgeschichte und machen uns doch erst richtig interessant. Niemand sieht in der Realität aus wie in den Hochglanzmagazinen. Auch Models haben Schönheitsfehler. Photoshop und Co. helfen leider, ein falsches Bild von Schönheit zu vermitteln. Es ist wichtig, dass Kinder schon früh begreifen, dass jeder Mensch schön ist wie er ist. Jede Eigenartigkeit macht uns einzigartig und das ist wahre Schönheit!

Wer sich über Essstörungen (Anorexie, Bulimie, Adipositas, BED, u.A.) informieren möchte oder Hilfe braucht, dem empfehle ich DIESEN Link. Das Internet kann einen Arztbesuch auf keinen Fall ersetzen!

Danke liebe Melanie, dass du dir die Zeit genommen hast, mit mir so offen über dein Leben mit Anorexie zu schreiben.

Danke fürs Lesen! :-)

Herzlich, Alinee

*Name wurde geändert